Dorothee Schmidt
Diplompsychologin · Supervisorin · Gestalttherapeutin · Traumatherapeutin
 

Mehr über Traumatherapie Somatic Experiencing® (SE)

(Bitte beachten Sie, dass es sich hier nicht um eine erschöpfende Behandlung der Themen SE oder Trauma handelt!)

Der Mensch - ein Beutetier
Biologisch gesehen ist der Mensch ein Beutetier. Seine Überlebenschancen in der Natur hingen zum einen davon ab, dass er möglichst schnell eine Situation hinsichtlich Gefahr oder Nicht-Gefahr einschätzen konnte. Zum anderen musste sein System bei Lebensgefahr möglichst schnell und richtig zwischen drei möglichen Reaktionsweisen auswählen: Kampf, Flucht oder Erstarrung.

Der Mensch in der Industriegesellschaft
Diese sehr alten Mechanismen sind auch heute noch wirksam. Aber andere Dinge haben sich verändert: Wir haben ein Großhirn entwickelt (einen Cortex, der sogar die Unterdrückung von Reflexen zulässt), und wir haben uns weit von unserem natürlichen Lebensstil entfernt. So signalisiert unser Hirnstamm immer noch Gefahr in einer gefährlichen Situation und unser Körper möchte auch immer noch darauf reagieren, etwa durch Flucht - aber zum Beispiel der Sicherheitsgurt in unserem Auto verhindert dies. Dass das positiv ist, liegt auf der Hand, denn sonst würden wir möglicherweise nicht überleben. Das Problem besteht darin, dass in einer Situation angenommener oder tatsächlicher Lebensgefahr unser Körper sehr schnell eine sehr große Menge an Energie bereitstellt. Wenn diese Energie nicht verwendet wird indem sie in Muskelarbeit umgesetzt wird, bleibt sie eingeschlossen im Nervensystem und lässt möglicherweise neue Verhaltensmuster oder Erregungsbahnen entstehen.

Überflüssige Energie und ihre Folgen
Diese Energie kann eine Vielzahl von Symptomen hervorrufen wie zum Beispiel unwillkürlich hereinbrechende Erinnerungen, Albträume, Dissoziationen (Nicht ganz „hier” sein, aus dem Körper gehen, bestimmte Körperteile werden nicht gespürt), Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit (Hypervigilanz), ständige Alarmbereitschaft oder Apathie, Gefühlsleere, Passivität und die Vermeidung von Situationen, Gefühlen oder Aktivitäten, die mit dem Ereignis in Zusammenhang stehen. Es können Schlafstörungen, Änderungen im Appetit, Gefühle von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit auftreten, Konzentrationsstörungen oder Schuldgefühle. Bleiben diese Symptome länger als einen Monat nach einem Vorfall bestehen, spricht man in der Klinik von einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Das Trauma ist im Körper, nicht im Ereignis
Es ist unser Nervensystem, welches durch die nicht abgeleitete überflüssige Energie diese Symptome produziert und zwar völlig unabhängig davon, wodurch ein Mensch traumatisiert wurde. Ob es zu einer Traumatisierung kommt, ist abhängig von der Persönlichkeitsstruktur, von den Vorerfahrungen, von den genetischen Anlagen, vom Umfeld und vom allgemeinen Zustand der Betreffenden. Daher ist ein Grundsatz von SE: Das Trauma ist im Körper und nicht im Ereignis.

Warum die Gazelle kein Trauma hat
Eine Gazelle, die von einem Löwen angegriffen wird und durch Flucht entkommt, verharrt in Sicherheit für eine Weile. Dann läuft ein Zittern durch ihren Körper, sie schüttelt sich und bald darauf grast sie weiter im Schutz ihrer Herde. Sie kann auf die nächste Gefahr wieder genauso adäquat reagieren. Sie ist nicht schreckhafter als vorher, sie verliert nicht ihren Appetit oder verändert ihr Sozialverhalten. Wir behaupten, sie sei nicht traumatisiert, und zwar, weil sie die gesamte Überlebensenergie, die ihr zur Verfügung stand, wieder in die Muskulatur abgegeben hat- zunächst in der Flucht und den Rest in dem beschriebenen Zittern.

Wie SE das Nervensystem unterstützt
Für den modernen Menschen in einer Industriegesellschaft bedeutet das, dass das Stammhirn und das Nervensystem ein wenig Unterstützung brauchen, um zu tun, was nötig ist. Ziel von SE ist, die Traumaenergie in sehr kleine Abschnitte einzuteilen und aus jedem Abschnitt die darin enthaltene Energie vorsichtig abzuleiten.
Zentral hierbei ist die sogenannte „Ressourcenbildung”, das heißt das Finden von stärkenden, tröstenden, haltenden Vorstellungen, Menschen, Situationen, Fähigkeiten oder Dingen, die zum zusätzlichen Schutz herangeholt werden können. Eine taugliche Ressource kann im gerade neu zu verhandelnden Traumaabschnitt Halt, Sicherheit und Zuversicht geben und bildet daher ein Gegengewicht zur traumatisierenden Energie.

Wie Energie entladen wird
Energie-Entladung kann auf sehr verschiedene Weisen geschehen: Wärme- oder Kühleempfinden in einem Körperteil, Kribbeln, tiefes Durchatmen, Zittern, Niesen, Gähnen, Lachen, Weinen können solche Entladungen sein. Ebenso können unvollständig gebliebene Bewegungen (eine begonnene Kampfreaktion beispielsweise) entweder in der Vorstellung oder real in sehr langsamen, kleinen, inneren Bewegungen zuende geführt werden.
Dies alles geschieht mittels sehr ruhiger Gespräche in völliger Wachheit und unter Kontrolle der Klientin. Dies ist wichtig um eine Re-Traumatisierung zu verhindern, denn die ursprüngliche Situation zeichnete sich gerade dadurch aus, dass die Klientin keine Kontrolle hatte. Die Therapeutin ist dabei bestrebt, die Wahrnehmung der Klientin so weit wie möglich auszudehnen, damit sie nicht nur ihres Körpers, sondern auch ihrer Ideen, Wertvorstellungen, Gedanken und Gefühle gewahr wird.

Ziele von SE
Nach erfolgreicher Traumatherapie SE kann das Ereignis zwar meist in seiner Gänze erinnert werden, es ist aber keine Erregung mehr mit dieser Erinnerung verbunden. Außerdem sollen die zuvor eingeschränkten Vitalfunktionen wie Orientierungs-, Flucht- oder Kampfreaktion wieder zur Verfügung stehen. Eine natürliche Neugierde kann wieder an die Stelle der Ängstlichkeit treten.

Die Entstehung
Entwickelt wurde diese Therapieform von Dr. Peter A. Levine und anderen. Sie bedient sich unter anderem zahlreicher Mittel aus dem „Focusing”, eine von Eugene T. Gendlin entwickelte Methode zur Selbstwahrnehmung (Mehr dazu: http://www.focusing.org/german.html). Seit den frühen 1990iger Jahren wird die Traumatherapie SE in den USA gelehrt, seit 1999 auch in Deutschland. Neueste Forschungsergebnisse aus der Hirn-, Stress- und Traumaforschung werden jeweils berücksichtigt und fliessen in die Aus- und Fortbildung ein.
Mehr über Traumatherapie SE hier: http://www.somatic-experiencing.de/

Bücher zum Thema
Peter A. Levine, Ann Frederick, Traumaheilung - Das Erwachen des Tigers, Synthesis, 1998
Crash Kurs, Diane Poole Heller, Laurence S. Heller, Kurs zur Selbsthilfe nach Verkehrsunfällen, Synthesis 2003
Peter A. Levine, Maggie Kline, Verwundete Kinderseelen heilen, Kösel 2005
Peter A. Levine - Vom Trauma befreien: Wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen. Mit 12 Übungen auf CD, Kösel; Auflage: 2. Aufl. (23. Juli 2007)

 
 

 
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